Danziger Goldwasser ist ein Likör mit darin schwimmendem Blattgold. Ich bekam es auf einer Jagdreise hingegen mit zlota woda, sprich „goldenem“ Wasser zu tun: Auch damit wurden die Trophäen „begossen“, aber eben anders als mit dem Likör…
Rot leuchtet in der Gerste das sichernde Alttier mit Kalb zu uns herüber. Der Wind passt, beide Stücke stehen gut und gerne 250 m entfernt. Die Gnitzen hier in der Waldecke fallen gar fürchterlich über meinen polnischen Jagdführer Jacek und mich her – neben Autan bildet vor allem die dünne Jacke aus tarnfarbenem Polyesternetz mit Gesitzschleier einen sicheren Trutz gegen die blutdurstigen Plagegeister.

Nach dem Aufbauemen halten wir erstmal 20 Minuten Ruhe.
Dann betört Jacek die Böcke mit seiner "Liebesmelodie".
Wer sich von den Getreideschlägen des deutschen Ostens beeindrucken lässt, der kommt hier in Masuren, in unserem Fall westlich von Neidenburg/ Nidzica, kaum mehr aus dem Staunen heraus. Wir, eine Gruppe von sechs Jägern, haben drei Tage Masurenbockjagd vor uns, und ich, nachdem ich bei den letzten Jagdfahrten das Portemonnaie nicht weit genug auf gemacht hatte und daher als Schneider nach Hause fuhr, wollte diesmal „400 Gramm Plus“ erlegen. So wurden dann entsprechend nach einer mittäglichen Siesta die Jäger auf die Pirschführer verteilt.
Im Dahindämmern
Unser 130er Land Rover mit Pritsche rumpelt über die Sandwege, überall bereits abgeerntete Getreideschläge. Wir umrunden ein kleines Waldstück, tauchen von hinten in das dunkle Grün ein und bleiben in der Mitte stehen. Nachdem ich mich gerichtet habe, pirschen Jacek und ich Richtung Waldrand. Es ist früh, etwa 18.30 Uhr, und so schlängeln wir uns nach rechts Richtung Waldecke, um dort auf einer offenen Kanzel Platz zu nehmen.
Drückende Schwüle lastet auf uns, hinzu kommen die Gnitzen, die auch das gegenüber austretende und durch die Gerste ziehende Rotwild plagen. Lange bleibt es ruhig. Hin und wieder rappelt ein Traktor über die trockenen Feldwege und zieht eine 100 m lange Staubfahne hinter sich her. Plötzlich, unter uns, eine Bewegung in der Gerste – ein Haupt. Beim schnellen Blick durchs Fernglas entpuppt sich das Stück als Geiß. Wieder Ruhe, die Blicke schweifen, die östliche Weite wirkt und löst eine innere Gelassenheit aus.
Das Warten lohnt sich
Nach etwa 40 Minuten reißt mich eine Bewegung vor uns in der Gerste aus den Träumen. Ich fahre hoch, sehe ein Haupt und kann auf rund 60 Meter ohne Glas eine gute Rehkrone ausmachen. Vorsichtig den Gehörschutz auf, schon gleitet die 7x64 langsam an die Backe, und ich verfolge den gemächlich durchs Getreide ziehenden Bock. Stark vom Wildbret, dicker Träger, graues Haupt, ein etwa doppelt lauscherhohes, gut geperltes Sechsergehörn. Es bietet sich kaum Schussmöglichkeit, bis der Bock in einen Bereich der Gerste kommt, der nicht so dicht steht – und schon zerreißt der peitschende Knall die Stille. Im Schuss ist der Bock weg!

Ein gewaltiger Sechser fällt gleich am ersten Abend.
Genau wegen sowas fährt man nach Masuren!
Der Führer klopft mir auf die Schulter, steckt sich erstmal eine filterlose Zigarette polnischer Provenienz in die verlängerte Physiognomie und vertreibt damit endlich – zumindest zeitweise – die Mücken. Nach dem Rauchopfer baumen wir ab und pirschen langsam Richtung Anschuss. Und da liegt er schon, ein wahrlich starker Bock mit kräftigem Sechsergehörn. Während Jacek das Auto holt, ziehe ich wie in Gedanken versunken den Bock nach unten Richtung Wiese und lasse alles nochmal vor dem geistigen Auge abspielen. Ich breche auf und warte auf den Landy, der uns nach Hause ins Quartier schaukelt. Das Hallo, als wir den Bock in den Schuppen hängen, ist so groß wie sein starkes Gehörn. Ein paar Biere mit den Jagdkameraden bringen die nötige Bettschwere.
Fein rausgeputzt…
… hat nichts genutzt. So ging es viel zu früh am nächsten Morgen um 3.30 Uhr aus den Federn, wieder rumpelten wir mit dem Geländewagen, diesmal einem russischen Lada, über die Feldwege. Der Morgen war noch duster, trotzdem konnte man auf der hellen Stoppel hier und da einzelne Sauen oder auch mal zwei, drei Kujel (= Überläufer) ausmachen.
Der Lauf blieb allerdings blank, schließlich waren wir auf Böcke aus, doch der Ansitz an einem kleinen Getreideschlag brachte bis auf akustische Signale, dass nämlich der Bock hinter uns im Wald seine Geiß trieb, nichts in Anblick. Umso üppiger fiel anschließend das polnische Frühstück aus.
Abendansitz, der zweite
Um sechse ziehe ich wieder mit Jacek los – unser Ziel ist ein kleines Feuchtgebiet, an dessen Rand wir uns auf eine fast abbruchreife Leiter setzen wollen. Wir gehen quer durch die Gerste und finden nach 100 m den klapprigen Sitz unter den Randbirken. Oben angekommen, halten wir erstmal 20 Minuten Ruhe. Erst dann bemüht Jacek den Blatter und macht den sehnsüchtigen Fiep des Schmalrehs nach. Stille, nichts passiert. Noch zweimal lässt er den schmachtenden Liebesruf ertönen. Ruhe.
Jacek glast den Bereich vor uns ab und hält plötzlich inne – er hat eine Bewegung gesehen. Er deutet mir die Richtung und auch ich sehe in einer Treckerspur dünne Spieße immer wieder über dem Halmenmeer auftauchen. In einer Lücke bleibt er stehen – ein ganz seltsamer Bock. Graues Gesicht, bleistiftdünne lange Spieße, irgendwie unsymetrisch – ein echter „Mörder“. Langsam zieht er weiter, und ich gehe in Anschlag.

So einen "Mörderbock" schießt man vielleicht nur einmal im Leben!
Da erscheinen gut 80 Meter hinter dem Bock auf dem Feldweg zwei palavernde Kinder – der Bock sichert, wirkt angespannt. Jacek flüstert „Schießen!“. Aber ich denke gar nicht daran! Das ist kein Bock der Welt wert, dass dahinter ein Kind umfällt. Und so geht der Nervenkrieg weiter … die Kinder entfernen sich, bis man auch die Stimmen nicht mehr hört. Der Bock wirkt zunehmend entspannter, zieht weiter, ist minutenlang verschwunden – und taucht plötzlich in einer Lücke 40 m vor uns wieder auf. Langsam ziehe ich den Abzug durch. Im Knall springt der Bock zwei, drei Fluchten ab – und liegt!
Ich springe vom Hochsitz runter und haste zum Bock – ein echter Mörderbock. Die Freude über diesen alten Kämpen ist groß. Die zerschlitzten Lauscher zeigen, dass er durchaus zu Raufen verstehen wusste. Und ich möchte nicht wissen, welchem braven Bock seine 24 und 25 cm langen Dolche ins Leben gefahren sind. Zufrieden geht’s ins Quartier – und auch die Jagdkameraden bringen reiche Beute nach Hause. Es wird ein langer Abend und eine kurze Nacht.

Die aufgehende Morgensonne wärmt die kalten Glieder
und vertreibt den Bodennebel.
Die beiden Abschiedsansitze am nächsten Tag bringen nur noch einen jungen Sechser im Morgennebel in Anblick und am Abend einen körperlich zwar großen Keiler, aber sein Gewaff ist in der Gerste nicht anzusprechen. So bleibt die Kugel im Lauf.
Was wiegt er denn?
Interessant wird es am letzten Tag, als sich nach dem reichhaltigen Frühstück der Raum füllt und sich alle Zuständigen der Jagdgesellschaft samt Dolmetscherin einfinden, um die Trophäengewichte zu ermitteln und die Jagdprotokolle zu schreiben. Zu sechst haben wir insgesamt 16 Böcke erlegen dürfen – dabei war alles vertreten: kapitale, brave, durchschnittliche und interessante Gehörne. In Polen wird das Gehörn mit langem Schädel (also vollständigem Oberkiefer) gewogen – und anschließend werden 90 g abgezogen. Das so ermittelte Netto-Gewicht bildet dann die Abrechnungsgrundlage.
Das erste Hallo gibt es, als völlig unscheinbare Böcke plötzlich 472, 389 und 448 g auf die Waage bringen. Schließlich fiebern alle dem Höhepunkt entgegen – meinem Sechser, der mit Abstand der Stärkste der Gesamtstrecke ist. Die Kameraden amüsieren sich prächtig, und ich werde immer blasser um die Nase – wie soll ich das daheim meiner Frau nur erklären? Während mein „Mörder“ gerade mal auf glatte 290 g kommt (also 200 Gramm netto), bildet mein Sechser das große Finale.

Aus 592 g werden abzüglich des Gewichts für den langen Schädel netto 502 g.
Nach zehn Stunden Autofahrt sind es seltsamerweise nur noch 381 g!?
Die Trophäenbewertungskommision hat förmlich die Złoty-Zeichen in den Augen und ich den Angstschweiß auf der Stirn. „Unter 700 g geht gar nichts“, sind sich die Beteiligten vor Ort einig und blicken mitleidig zu mir: Doch dann die Sensation, denn die Waage zeigte „nur“ 592 g an! Dumme Gesichter bei der Kommission, während ich das Grinsen kaum mehr aus der Visage bekomme! 502 g netto zeichne ich im Jagdprotokoll gegen – kaum ein Schriftstück habe ich so bereitwillig unterschrieben wie dieses.
Seltsame deutsch-polnische Blitzdiät
Nach dem Packen und Verabschieden fahren wir die zwei Stunden zum Flughafen nach Warschau zurück, während eine mit dem Auto angereiste Zweier-Gruppe gut zehn Stunden nach Deutschland braucht. Dort angekommen und während der Fahrt heiß geredet über die doch recht üppigen Trophäengewichte, landen alle 16 Trophäen auf der Postwaage. Und viele sind nach zehnstündiger Fahrt deutlich leichter als in Masuren – mein „kapitaler“ Sechser hat plötzlich nur noch 471 g, also 121 g weniger als im Jagdprotokoll. Abzüglich der 90 g landen wir dann bei einem Gewicht von 381 g netto!
Doch wie kann das passieren? Ein Weltreisender in Sachen Jagd lieferte mir eine mögliche Erklärung: Durch tagelanges Wässern der fertig präparierten Rehgehörne erhöht sich das für die Abrechnung maßgebliche Trophäengewicht. Kurz vor dem Verfassen des Jagdprotokolls samt Wiegetermin werden die Trophäen dann äußerlich mit einem Fön bearbeitet und wirken trocken. Vereinzelt nutzen polnische Jagdgesellschaften das sprichwörtliche „goldene“ Wasser (złota woda), um ihre Vereinskasse angesichts der inzwischen von ihnen zu begleichenden Feldschäden durch Schwarzwild nicht zu belasten. Das soll freilich kein Aufruf zu einem Generalverdacht sein: Sowohl die polnischen Staatsforstämter wie auch durch seriöse Jagdreisebüros vermittelte Jagdgesellschaften bedienen sich solcher Methoden ganz sicher nicht.
Und die Moral von der Geschicht?
Traue fremden Waagen nicht! Wenn der schneeweiß gebleichte Trophäenschädel aus seinem Inneren heraus leicht schwärzlich wirkt, sollte Misstrauen erwachen, vielleicht wurde er aus Bequemlichkeitsgründen schlecht, also zu kurz abgekocht. Es schadet gewiss nicht, den kleinen Finger in die Hirnhöhe zu stecken, um nach Feuchtigkeit zu fahnden und dieses ggfs. im Jagdprotokoll als Protest, sprich Abrechnungsvorbehalt zu vermerken. Und ganz Misstrauische haben „rein zufällig“ ein geeichtes 20-g-Gewicht in ihrer Joppentasche, das sie mal kurz auf die Waage legen …

Text & Bild: F. und S. Numßen
