Wer seit Jahrzehnten jagt, für den wird der Schuss immer nebensächlicher. Immer mehr ältere Jäger widmen sich dann der Jagd- und Wildtierfotografie. Ihr jagdliches Können ist dabei genauso gefragt.
Wer den Jagdschein löst und das erste Mal allein auf dem Hochsitz sitzt, spürt eine gewaltige Anspannung und Verantwortung. Ich erinnere mich, wie ich an einer Kirrung einen Überläufer vor hatte und mich vor lauter Jagdfieber nicht zum Schuss entschließen konnte. Bis ich mir sagte, dass wenn ich mich jetzt nicht zusammenreiße, aus mir wohl kein Jäger mehr wird. Ich habe damals geschossen! Seitdem sind mehr als 32 Jahre vergangen…
Der bekannte afrikanische Berufsjäger Ronnie „Omaruru“ Rowland sagte dazu in einem Interview einmal folgendes: „Wenn man Jäger wird, durchläuft man vier Phasen: 1. die Aufwachsphase, in der du als Kind etwas tötest und dabei Macht verspürst. In der 2. Killerphase tötest du wahl- und zahllos. Aber hier ist gleichzeitig der Scheideweg – das kann weiter in die falsche Richtung führen, oder du wirst durch äußere Einflüsse bzw. einen Lehrmeister gelenkt. Dann kommst du in die 3. Besinnungsphase – man entnimmt nur das, was man braucht. Und in der 4. Reifephase tötest du meist gar nicht mehr selbst.“

Laut PH Ronnie Rowland durchläuft ein Jäger vier Phasen in seinem jagdlichen Leben.
Ähnliches bestätigen ältere Jäger, wenn man sie fragt, warum sie nur noch mit der Kamera losziehen. Nach einigen Jahrzehnten aktiver Jagd erfreuen sie sich an dem Waidmannsheil anderer oder einem perfekten Bild mehr als an der eigenen, sauber platzierten Kugel. Das Gefühl, Wild zu überlisten und noch ein Stückchen näher als sonst, also mit Gewehr, ranzukommen, ist das gleiche und befriedigt den Jagdinstinkt mindestens genauso gut.
Explosionsgefahr und heftige Strapazen
Dabei war die Fotografie in den Kindertagen noch ein richtig gefährliches Unterfangen, denn wenn man das explosive Blitzpulver falsch mischte, konnte man mitsamt der Kamera in die Luft fliegen und noch vor dem perfekten Foto in den ewigen Jagdgründe landen. Fotosafaris, wie sie einer der Pioniere der Wildtierfotografie, Carl Georg Schillings, unternahmen, dauerten monatelang und benötigten 50 Träger, um die gesamte Fotoausrüstung über Stock und Stein zu befördern. Sein Buch „Mit Blitzlicht und Büchse“ von 1905 gilt immer noch als Meilenstein. Dr. Arthur Lindgens legte 1937 mit dem Werk "Wild, Bild und Kugel" und atemberaubend großen Lichtbildern nach.
Auch englische Fotografen wie Eric Hosking experimentierten in der Folgezeit mit Fernauslösern und selbstgebauten Lichtschranken. Als dann noch die Bilder laufen lernten, gesellten sich berühmte Tierfilmer wie James Algar (Die Wüste lebt), Jacques-Yves Cousteau (Die schweigende Welt), Prof. Bernhard Grzimek (Kein Platz für wilde Tiere, Serengeti darf nicht sterben), Werner Fend (Ich jagte den Menschenfresser), David Attenborough (Die Erde lebt), Alan Root (The Year of the Wildebeest), Heinz Sielmann (Expeditionen ins Tierreich), Horst Stern (Sterns Stunde) oder später Ernst Arendt/Hans Schweiger (Tiere vor der Kamera) und Andreas Kieling hinzu.
Wildtierfotografen erobern Jagdzeitschriften
Ab den 1970er Jahren eroberten die Wildtierfotografen auch mehr und mehr Titelbilder der Jagdzeitschriften. Es sollte allerdings noch zwei Jahrzehnte dauern, bis ein wirklich großer Umbruch die Fotografie erfasste. 1988 erfand Fuji die Speicherkarte. Erstmals wurden die Daten digital und nicht wie bisher magnetisch gespeichert und konnten am Computer eingelesen werden. Die erste Kamera mit Speicherkarte kam von Fuji 1991 auf den Markt und läutete damit das Aus für Filmhersteller und Entwicklungslabors ein. 1996 begann der Wettlauf um Pixelzahlen. Polaroid lieferte die erste Ein-Megapixel-Kamera, 2003 schaffte die Canon EOS-1D schon ganze sechs.

Erich Marek, passionierter Jäger und bekannter Tierfotograf, stellte mit 70 sofort
auf Digitalfotografie um – und hat es nie bereut.
Erich Marek (Jahrgang 1936) war 2005 im Alter von fast 70 Jahren einer der ersten deutschen Wildtierfotografen, der konsequent auf Digitalfotografie umstieg. „Meine Computerkenntnisse waren gleich null. Überzeugt hat mich eine Werbeagentur, denn deren erste Digitalbilder waren bei Ausdrucken von bis zu einem Meter immer noch recht scharf. Dabei waren die Kameras damals nicht halb so leistungsfähig wie heute. Daraufhin habe ich mir eine Digitalkamera angeschafft“, erinnert sich Marek zurück. Dank der fehlenden Kostenschraube für Film und Entwicklung fotografiert man heutzutage viel mehr und lebt auch nicht mehr in der Ungewissheit, ob denn die Aufnahmen überhaupt etwas geworden sind. Dabei ist für Marek als Fotograf und Jäger eines klar: Jagd und Fotografie muss man voneinander trennen, denn sonst wird beides nichts!
Seine Tipps für Fotografie-Einsteiger sind einfach: Eine herkömmliche digitale Spiegelreflexkamera der mittleren Preisklasse und dazu ein Wechselobjektiv mit 100 - 400 mm Brennweite (Blende 4,5 - 5,6) reichen, um auch als Jäger einmal Bilder von Wildtieren aus dem Revier mit nach Hause zu bringen. Die schlechtere Blende kann man mit der ASA-Zahl ausgleichen. Natürlich wäre eine 2,8er Blende besser, aber da kostet ein Objektiv auch schnell so viel wie ein gebrauchtes Jagdgewehr. Mit moderner Tarnkleidung und bei idealem Wind wird man staunen, wie nah man Wildtieren kommen kann. Na dann Fotoheil!

Grundregeln der Wildtierfotografie
-
Im Schlaf bedienen können: Die besonderen Momente sind oft schnell vorbei. Fokus, Verschlusszeit, Blende und andere Einstellungen muss man auch beim Blick durch den Sucher bedienen können. Das gibt Raum für Kreativitat. Also üben, üben, üben!
-
Runter auf den Bauch: Das Fotografieren auf Augenhöhe liefert realistisch-intime Einblicke in die Tierwelt – das heißt auch runter auf den Bauch und schmutzig machen!
-
Hintergründe einfach halten: Ein dominanter Ast in einem ansonsten tollen Motiv kann das schönste Bild entstellen. Unerwünschte Ablenkungen in der Szene lassen sich durch leichte Positionsänderungen entschärfen.
-
Das Motiv kennen: Das Einlesen in eine Tierart ist keine Zeitverschwendung. Denn dann kennt man Lebensraum, Fressgewohnheiten und Paarungsverhalten und kann einschätzen, wie die Tiere reagieren und stimmungsvolle Bilder einfangen.
-
Vorbereitet sein: Für die besten Augenblicke in der Natur gibt es oft keine zweite Chance. Die Kameraeinstellungen sollten schon mal an die Lichtverhältnisse vor Ort und an die Motive anpasst sein. Selbst die langsamsten Tiere können plötzlich reagieren, das spricht für eine kurze Verschlusszeit.
-
Regeln brechen: Die Kamera ist nur ein Werkzeug. Mit den Einstellungen, unterschiedlichen Perspektiven oder Brennweiten experimentieren. Wer viele Fotos macht, wird besser und entwickelt seinen Stil.
-
Rücksicht nehmen: Für wilde Tiere ist jeder Tag ein Kampf ums Überleben. Also verhält man sich rücksichtsvoll in deren Wohn- und Schlafzimmer.

Text & Bilder: F. und S. Numßen
