.375 H & H Magnum: African Queen
Seit 114 Jahren schafft die Gürtelpatrone .375 Holland & Holland Magnum den Spagat zwischen weiten Schüssen und Großwildtauglichkeit wie kaum ein anderes Kaliber. Ein Blick zurück auf eine Erfolgsgeschichte.
„Überall könnte er lauern, trotzdem folgte ich dem angeschweißten Büffel weiter. Erst tags zuvor hatte er eine Frau und zwei Kinder zu Tode getrampelt sowie einen Mann schwer verletzt. So weit ich wusste, hatte der Bulle eine Kugel im Bauch und einen gebrochenen Vorderlauf. Und das machte ihn äußerst aggressiv. Nun hatte er sich in einen kleinen Wald mit viel Unterwuchs eing eschoben. Der sandige Boden ließ zwar lautloses Pirschen zu, die Sicht aber betrug nur zehn Meter. Ich trug eine Doppelbüchse in .375 H & H Magnum, geladen mit zwei 300 Grains Solids. Das Erste, was ich vom Büffel bemerkte, waren seine Lauscher, die er bewegte. Er lauerte auf mich, ganze elf Schritte entfernt. Schon schoss ich die erste Kugel einfach durch das Gestrüpp. Er brach zusammen, um Sekundenbruchteile später wieder auf den Läufen zu sein. Und dann kam er. Ich kniete und schoss ihm den linken Lauf in den plötzlich frei werdenden Stich. Es war, als wäre eine kräftige Stahltrosse zwischen uns gespannt, die ihm beide Vorderläufe förmlich wegriss. Er knallte auf Nase und Vorderläufe. Ich hatte kaum nachgeladen, da rollte er über und war mausetot.“ Diese Nachsuche von John Taylor hätte leicht ins Auge gehen können. Sie veranschaulicht aber, was dieses Kaliber zu leisten vermag.
Der erste Versuch
Bereits im Jahr 1904 hatte Henry W. Holland eine Patrone mit Gürtelhülse konstruiert. Er taufte sie auf den Namen .400/.375 Express oder .375 Velopex. In seiner Patentschrift 27912 beschrieb er detailiert die Zuführstörungen von Randpatronen in Repetierbüchsen. Sein neu eingeführter Gürtel an der Hülse war jedoch nie als Verstärkungsring gedacht, sondern bestimmte durch seine Anlage im Patronenlager den Verschlussabstand.

Die 9,5-mm-Kaliber kommen einer Universalpatrone sehr nahe. Zimbabwe ließ für die Big Five auch mal Kaliber ab 9,2 mm mit mindestens 5.300 Joule zu. Im Bild stehen 9,3x62, 9,3x74 R, 9,3x64, 9,5x57 Mann.-Schön., .375 H & H Mag., .375 H & H Flanged, .375 Rem. Ultra Mag. sowie .378 Weath. Mag. (v.l.n.r.)
Die .375 Velopex war allerdings aufgrund ihrer mageren ballistischen Leistung nie ein großer Erfolg. Sie konnte sich nicht gegen die damals sehr verbreitete 9,5x57 Mannlicher-Schönauer (eingeführt 1910) durchsetzen. Letztere wurde sogar in England von Kynoch unter dem Namen .375 Rimless Nitro Express (2 1/4“) hergestellt. So fand sie zusammen mit den günstigen Mannlicher-Repetierern gute Verbreitung in den britischen Afrika-Kolonien. Ihre Bedeutung ebbte erst nach dem Zweiten Weltkrieg ab. Als dann noch Kynoch in den 1950er Jahren die Produktion einstellte, war ihr Schicksal besiegelt.
Noch einmal mit Gefühl
Im Jahr 1912 präsentierte Holland & Holland dann endlich die .375 Belted Rimless Magnum Nitro Express, die später als .375 Holland & Holland Magnum die Welt eroberte. Zeitgleich entstand die etwas schwächere Randversion .375 Flanged Magnum Nitro Express für Kipplaufwaffen. Die Gürtelversion bestand ihre Feuertaufe in den afrikanischen Kolonien mit Bravour, um die Randversion wurde es jedoch schnell still. Schließlich boten mehr und mehr Hersteller Doppelbüchsen in .375 H & H Magnum an, und so schwappte die Erfolgsgeschichte auch rüber nach Mitteleuropa bzw. Nordamerika und Kanada. Der erste Winchester-Repetierer Modell 70 in .375 H & H Magnum kam bereits 1937 auf den Markt.
Keine Chance wegen Jagdgesetz
Deutsche Konstruktionen, wie die 1905 von Otto Bock entwickelte 9,3x62, machten sich ebenfalls einen guten Namen in den deutschen Kolonien. Wilhelm Brennekes 1927 eingeführte 9,3x64 kam dafür allerdings schon zu spät. In der Leistung der .375 H & H ebenbürtig, wies sie eine kurze Baulänge mit ausreichend Pulverraum auf, verzichtete aber auf technischen Schnickschnack wie den Gürtel.

Für Kaffernbüffel eher am unteren Ende der Fahnenstange! Doch mit guten Geschossen wie Norma 19,4 g Swift A-Frame und RWS 19,4 g VM kein Problem. Berufsjäger Rainer Jösch, Lorinyo und der Erleger haben gut lachen.
In vielen englischen Ländern war jedoch für die Big Five (Elefant, Rhino, Büffel, Löwe, Leopard) aufgrund der Verbreitung englischer Waffen und Kaliber sowie des englischen Kolonialeinflusses als Mindestkaliber .375/9,5 mm vorgeschrieben. Das machte die 9,3-mm-Triade mehr oder minder zu verbotenen Kalibern. So blieb denn die .375 H & H Magnum jahrzehntelang die Königin im Bereich der Mediumkaliber. Infolge fehlender Konkurrenz rüsteten sich viele Berufsjäger und Gastjäger damit aus.
Eine echte Universalpatrone
Die .375 H & H Magnum kommt einem Universalkaliber sehr nahe. Für weite Schüsse eignen sich leichte Geschosse und bieten damit in etwa die Rasanz einer .30-06 mit 10,7 bis 11,7-Gramm-Geschossen. Großantilopen lassen sich mit den leichteren Projektilen bis 250 Meter gut erlegen. Andererseits bietet sie mit knapp 6.000 Joule Mündungsenergie und Geschossgeschwindigkeiten um 760 bis 800 m/s auch das gewünschte Penetrationsvermögen auf Dickhäuter wie Elefant, Büffel und Hippo – beste Geschosskonstruktionen vorausgesetzt! Gerade die höhere Querschnittsbelastung der 300-Grains-Geschosse erbringen diese erforderliche Durchschlagskraft. Dennoch stellt die .375 H & H Magnum das unterste vom Gesetzgeber erlaubte und auch taugliche Minimumkaliber dar. Denn bei schlechten Treffern bietet sie einfach nicht genügend Reserven, hier kann aus dem Jäger schnell der Gejagte werden.

Mit Ronnie Rowland an einer nichtführenden Zebrastute, die nach spannender Pirsch und einem Schuss auf ca. 60 Meter mit dem Federal 19,4 g Power Shok noch etwa 30 Meter ging und dann verendete.
Trotzdem ist der Ein-Gewehr-Jäger mit ihr bestens bedient und kann beispielsweise mit einem 300 Grains Swift A-Frame oder Nosler Partition alles von der Kleinantilope bis zum Kaffernbüffel erlegen. Lediglich bei Großkatzen sollten weichere Teilmantel-Geschosse gewählt werden, die durch blitzschnelle Zerlegung maximale Schockwirkung und Gewebezerstörung bei den dünnhäutigen Katzen verursachen. Das andere Extrem sind Solids oder Vollmantel-Geschosse mit dickem Tombakmantel, die entsprechende Eindringtiefe bei Dickhäutern gewährleisten, ohne dabei zu zerplatzen.
Viel Munition und viele Gewehre
Gewichtigstes Argument für eine .375 H & H Magnum aber ist vor allem die weltweite Munitionsverfügbarkeit. Die Auswahl von Qualitätspatronen ist gewaltig, die Preise für eine Magnumsorte immer noch moderat, aber vor allem bekommt man überall auf der Welt Ersatzmunition, wenn das Reisegepäck doch einmal nicht am Zielflughafen ankommt. Zudem führen viele Berufsjäger das Kaliber selbst respektive verfügen noch über Restmunition bereits abgereister Jagdgäste.
Außerdem gibt es praktisch keinen Waffenhersteller weltweit, der nicht mindestens ein Modell im Kaliber .375 H & H Magnum anbietet. Selbst in den beliebten Standard-98er von Mauser lässt sie sich ohne extreme Schwächung des Systems unterbringen.
Notizen aus dem Busch
Einige der Großwildjäger, die noch wirklich etwas auf dem Schwarzen Kontinent erlebt haben, geraten bei der altehrwürdigen .375 H & H Magnum förmlich ins Schwärmen: John „Pondoro“ Taylor etwa bezeichnete sie als „zweifellos eine der tödlichsten Waffen der Erde.“ Bei guten Schüssen war sie nach seinen Erfahrungen eine der am besten tötenden Patronen – gute Geschosse vorausgesetzt. Etwa 5.000 Stück Wild vom Oribi bis zum Elefanten hatte Taylor mit seinen fünf Gewehren in .375 H & H Magnum (zwei Doppelbüchsen, drei Repetierer) zur Strecke bringen können. Mit einem davon erlegte er allein über 100 Elefanten und über 400 Kaffernbüffel, und bei guten Treffern war der zweite Schuss nur in seltenen Fällen nötig. Das 300-Grains-Vollmantel hatte nach Taylors Auffassung die größte Durchschlagskraft aller ihm bekannten Patronen.

Lauern im Blind auf "Mr. Spots" auf der Farm Otjiruse bei Familie Heger in Namibia.
Auch der bekannte Berufsjäger Finn Aagard setzte auf die .375 H & H, bis er das Jagdland Kenia 1978 mit dem aufkommenden Jagdverbot verließ: „Für meine eigene Jagd bevorzuge ich einen .375 H & H mit Zielfernrohr“, fasste er einmal kurz und knapp zusammen. Dabei vertrat er stets die Auffassung, dass sie mit einem guten Vollmantel auch für Büffel und Elefant brauchbar sei. In die Fußstapfen der alten Großwildjäger-Garde sind mittlerweile Männer wie der US-Amerikaner Craig Boddington getreten, der seine Erfahrungen mit der „African Queen“ folgendermaßen zusammenfasst: „Sie ist immer noch das universellste Kaliber, das man in Afrika dabei haben kann.“ Seine Umfrage unter 113 PHs (Professional Hunter = Berufsjäger) erbrachte auch ein eindeutiges Bild: Die absolute Mehrheit führt die .375 H & H Magnum als Allroundgewehr. Das Kompromiss-Kaliber tötet einfach zuverlässig vom Duiker bis zum Elefanten, und gerade rückstoßempfindlichere Jäger treffen mit ihr eine bessere Wahl.
Lieber ein kleineres Loch an der perfekten Stelle als eine Super-Magnum irgendwo mittendrauf. Das untermauerten auch einige eingefleischte Elfenbeinjäger wie Pete Pearson oder Harry Manners, die auf die .375 H & H Magnum Stein und Bein schworen. Selbst der bekannteste Großwildjäger Afrikas, Frederick Courteney Selous, führte sie in seinen späten Jahren in einem Original Mauser Repetierer.
Das Bessere ist Feind des Guten
Trotz oder gerade wegen des enormen Erfolges machten sich immer wieder namhafte Hersteller daran, die Königin vom Thron zu stoßen. Etwa Roy Weatherby, dessen Konzept und Wille es war, in jeder Kalibergruppe die stärkste Patrone anzubieten. Nach seiner .375 Weatherby Magnum debütierte 1955 schließlich die .378 Weatherby Magnum, die mit gewaltiger Hülse und damit Pulverraum satte 920 m/s und 8.200 Joule Mündungsenergie lieferte. Beliebt waren diese Übermagnums bei Jägern und Berufsjägern allerdings nie, da sie sich zum einen sehr unangenehm schießen lassen und zum anderen so rasant beschleunigte Geschosse bei schlechter Konstruktion oft platzen und dann mangelnde Tiefenwirkung erzielen. Wenn schon maximale Beschleunigung, dann nur in Kombination mit harten Teilmantel- oder modernen Verbundkern-Geschossen.

Eigentlich etwas heftig für dünnhäutige Großkatzen, doch das auf 93 m am Bait auf den Stich gezirkelte Federal 19,4 g Power Shok ließ den Kuder im Knall verenden.
Die Lücke zwischen Weatherby‘s Übermagnum und der altehrwürdigen Holland & Holland-Patrone sollte dann die 2001 vorgestellte .375 Remington Ultra Magnum schließen. Die guten Werte auf dem Papier untermauerten zahlreiche praktische Erfahrungsberichte aus Afrika und Nordamerika. Doch mittlerweile kamen noch einige andere Waffenhersteller auf die Idee, eigene neue „Medium Bores“ ins Rennen um die Gunst der Käufer zu schicken: etwa die .376 Steyr, die .375 Ruger, Sako‘s 9,3x66 oder eine Neuerscheinung aus dem Allgäu, die .375 Blaser Magnum. Allesamt bieten ballistisch vielversprechende Leistungen und zum Teil Top-Wirkung in der Jagdpraxis, unterliegen aber einem entscheidenden K.o.-Kriterium für jagdliche Globetrotter: ihr Wildcat-Charakter und die damit verbundene fehlende weltweite Verbreitung und Verfügbarkeit.
Dicker ist schicker?
Eigentlich ist in dem Medium-Kaliberbereich keine ernstzunehmde Ablöse in Sicht. Die Gefahr droht eher von den dickeren Pillen, denn die 416er Kaliber erobern mehr und mehr Anhänger. Und das hat gute Gründe, schließlich bieten sie neben einer relativ gestreckten Flugbahn vor allem eine höhere Stopping-Power auf Büffel, Elefant & Co. Darauf reagierte u.a. auch Holland & Holland mit der Gürtelpatrone .400 H & H Magnum.
Dafür bietet die „African Queen“ ein breiteres Einsatzspektrum, mit der man sich selbst auf heimischen Drückjagden nicht überbewaffnet fühlen muss. So hat sie allen Unkenrufen zum Trotze längst ihren 100-jährigen Geburtstag hinter sich und ist auch heute noch umgeben von einer festen und treuen Fan-Gemeinde.

Text & Bilder: F. und S. Numßen
