Berg und Tal, Wald und Feld, Flüsse und Seen – so verschieden die geografischen Gegebenheiten und Wildarten sind, so facettenreich ist auch die Jagd.
Es gießt wie aus Kübeln an diesem Morgen im südlichen Ungarn am Rand des Mecsekgebirges, und ich habe den verweigerten Rothirsch-Abschuss am Abend zuvor am Mais schon fast bereut. Plötzlich reißt mich eine tiefe Stimme aus meinem frustrierten Hinterhertrotten. Unmittelbar vor uns in dem dichten Zeugs zieht ein Hirsch und meldet. Jagdführer Atilla blickt mich fest an, schon nutzen wir den prasselnden Regen und tauchen in das Laubstangenholz ein. Attila röhrt dabei den Geweihten mit seinem Büffelhorn herausfordernd an.
Vorsichtig setzen wir beim Pirschen einen Fuß vor den anderen, auch wenn der Regen fast alle Geräusche verschluckt. Nach gut 50 Metern durch den „Laubholzurwald“ erstarrt Attila zur Salzsäule und geht in Zeitlupentempo in die Knie. Wir sind fast in den Hirsch reingelaufen, denn der sichert nur 25 Meter entfernt spitz zu uns. Auch ich sinke hinter dem Jagdführer in mich zusammen. Der nickt nur, bietet seine Schulter als Auflage, und nur Sekunden später zerreißt der Knall der schweren .375 H & H Magnum die Stille.

Der erlegte Hirsch nach spannender Pirsch im "Laubholz-Urwald"
bei strömendem Regen im ungarischen Mecsekgebirge.
Eine Pirsch vom Feinsten! Gepirscht wird natürlich überall auf der Welt. Es ist vor allem in den Wildnisgebieten Asiens, Nordamerikas, Kanadas, Alaskas, Neuseelands, Australiens, in Afrika, Argentinien oder auch Skandinavien die erfolgreichste Jagdart, weil sich in den unendlichen Weiten das Wild verteilt und es erforderlich macht, dass man es aktiv sucht. Sitzen und warten ist dort in der Regel nicht sehr erfolgversprechend. Das ist in den vielen kleinen Revieren Mitteleuropas anders, hier lohnt sich der Ansitz in der Nähe von Wechseln, an Suhlen, Kirrungen oder Wildäckern mehr. Allerdings hat man sich ein kleines Revier, wenn man nicht auf den Wind achtet, auch schnell „leergepirscht“.
Ansitz und Jagd mit dem Hund
Es ist es auch nicht so, dass man Ansitz und Anstand im Ausland gar nicht kennt. In Afrika sitzt man am Wasserloch oder am Bait (Fleischköder) an und versucht sein Waidmannsheil auf schöpfendes Wild oder Mr. Spots (Leopard). Finnland kennt den Ansitz auf dort heimisches Weißwedelwild, während es in Nordamerika und Kanada dem Schwarzbären an der Kirrtonne gilt. Darüber hinaus hat sich dort mit den so genannten „treestands“ – Plattform der Bogenjäger direkt am Baumstamm – eine Ansitzwarte fest etabliert, die auch den Sprung über den großen Teich nach Deutschland geschafft hat und dort bei speziellen Bewegungsjagden genutzt wird.
Die Suchjagd mit Buschieren, Stöbern und Brackieren ist international – von England über Frankreich bis hoch nach Skandinavien – verbreitet. Hier hilft die feine Hundenase das Wild aufzuspüren, hochzumachen und vor die Schützen zu bringen oder es anzugehen. Das geht in der Gruppe oder auch allein. Dabei ist die Bracke, die ihrem Führer gekonnt den Waldhasen bringt, sicher die hohe Schule im Zusammenspiel von Mensch und Hund. Auch bei der Wasserwildjagd an den großen „wetlands“ in den USA und Kanada oder überall auf der Welt geht ohne den Vierbeiner nichts. Vom Himmel geholt ist eine Ente oder Gans schnell. Da sie einem aber in der Regel nicht vor die Füße fällt, sondern tot im Wasser landet oder sich geflügelt im Schilf steckt, kommen hier witterungsharte, passionierte Apportierhunde zum Einsatz.

Beim "Gamsriegler", einer Drückjagd in den Bergen,
lauern die Schützen an den Hauptwechseln.
Gesellschaftsjagden als Drück- oder Ansitzdrückjagd auf Schalenwild sind ein europäisches Thema. Da kennt man in den Bergen den „Gamsriegler“ genauso wie die „Monteria“ auf Rot- und Schwarzwild in Spanien, die großen Elchjagden in Norwegen, Finnland und Schweden oder die klassischen Bewegungsjagden in den großen Waldgebieten.
Die Treibjagd mit den Klassikern Vorsteh-, Stand- und Kesseltreiben oder den Streifen auf Niederwild standen in osteuropäischen Jagdländern wie Ungarn und Tschechien, aber auch im österreichischen Burgenland oder weiter unten in Serbien stets auf der Tagesordnung. Hier gibt es immer noch gute Besätze, während die industrialisierte Landwirtschaft und Flurbereinigung die Lebensräume für viele Arten in anderen Ländern vernichtet hat. Da bieten sogar US-Kornstaaten trotz gigantischer Anbauflächen immer noch eine bessere Niederwildjagd.
Reizende Angelegenheit
Genauso abwechslungsreich ist die Lock- und Reizjagd. Sie kann an der Kirrung und am Luderplatz (also mit Mais oder Aufbruch/Fallwild) auf Schwarz- und Raubwild oder mittels Lockvögeln sowie diversen Lockinstrumenten zum Reizen, Rufen oder Blatten ausgeübt werden. Während man in Europa früher mit Mauspfeifchen und Hasenklage den Fuchs, mit dem Blatter den Bock und mit dem Entenlocker die Breitschnäbel reizte, hat sich daraus in den USA und Kanada eine richtige Industrie entwickelt. Deren Produkte sind massenhaft nach Europa rübergeschwappt und haben die Lock- und Reizjagd professionalisiert.
Neben der moderner Tarnkleidung von Realtree & Co. wird heute mit hochwertig gestalteten Lockvögeln, mit dem „predator call“ (Raubwildruf) oder auch mit elektronischen Raubwildmagneten gearbeitet, die batteriebetrieben Stoff- und Balgfetzen unregelmäßig zum Wackeln bringen und so zusätzlich mit visuellen Reizen das Raubwild zum Zustehen animieren.

Die Lock- und Reizjagd auf den Fuchs gehört zu den
spannendsten Jagdarten, die man im Winter ausüben kann.
Dabei endet in vielen Ländern die Jagd meist eine halbe oder eine Stunde nach dem Sonnenuntergang. In der Dunkelheit dürfen nur bestimmte Arten wie Schwarzwild (Wildschadensabwehr), Raubwild oder z.B. in Kanada Coyote und Waschbär bejagt werden.
Reviersystem und Intervalljagd
Bewährte Jagdstrategien in Ländern mit Reviersystem (Deutschland, Österreich) spielen in Staaten mit Lizenzjagdsystem (USA, Kanada) keine Rolle, weil dort zum Beginn der Saison alles, was eine Gewehr tragen kann, in den Wald stiefelt und jagt. Nur in großen Eigenjagden oder eben in einem Revier macht die Schwerpunktbejagung z.B. an Waldverjüngungsflächen Sinn. Früher hat man solche Flächen eingezäunt und damit auch dem Wild ein Stück Lebensraum weggenommen. Heute wird dort ohne Zaun jagdlich so viel Druck aufgebaut, dass dadurch eine Verdrängung in andere Revierteile ohne kritische Verjüngung stattfindet. Etwas Ähnliches gilt während der Milchreife (Getreide, Mais) im Feld. Im Wald fällt kein Schuss auf Schwarzkittel, dafür wird der Jagddruck im Feld hochgehalten, so dass die Sauen verknüpfen: Wald bedeutet Ruhe, Feld Gefahr! Schwarzwild ist nämlich eines ganz sicher nicht: eine dumme Sau!
Auch die Intervalljagd ist ein wirksames jagdliches Instrument – hier gibt es kurze Zeitfenster intensiven Jagens (Sammelansitze, Drückjagden), die sich mit langen Ruhephasen abwechseln. Denn Ruhe ist nicht nur der Schlüssel zum jagdlichen Erfolg, sondern auch dafür, dass die Wildschäden im Wald und Feld nicht explodieren. Denn neben dem Vergnügen ist Jagd vor allem auch eine gesellschaftliche Aufgabe mit viel Verantwortung!

Der Berg ruft!
Zu Hause fährt man mit dem Auto meist bis 200 Meter vor den Hochsitz und spaziert gemütlich dahin. Die Jagd im Gebirge – egal ob in Tirol, Zentralasien oder in den Rocky Mountains – ist genau das Gegenteil. Sie zehrt an den Kräften und nötigt dem Körper alles ab, bietet uriges Hüttenleben oder ein einfaches Zeltcamp und darüber hinaus neue faszinierende Wildarten. Die körperliche Anstrengung lässt fast jeden Neuling abends nach einfacher Mahlzeit ermattet, aber hochzufrieden ins Hüttenbett sinken oder in den Schlafsack kriechen. Und trotzdem freut man sich, wenn einen der Wecker am nächsten Morgen um 3:30 aus dem Schlaf reißt und den neuerlichen Aufstieg einläutet. Dabei ist das Gehen im Berg ein völlig anderes, genauso wie der oft weite Schuss (bis 300 und mehr Meter) bergauf oder bergab aufgelegt vom Rucksack aus oder angestrichen am Bergstock. Beide sollte man unbedingt vorher auf dem Schießstand trainieren.
Was ist eigentlich…?
Neben Hochsitz und Ansitzleiter gibt es noch viele andere jagdliche Einrichtungen:
- Kirrung: Eine begrenzte Menge an Futtermittel (z.B. Mais) wird nicht frei zugänglich, aber regelmäßig ausgebracht, um dort Schwarzwild selektiv zu bejagen.
- Ablenkfütterung: Wird im Wald angelegt, dort herrscht Jagdruhe. Damit will man Sauen länger im Wald binden, um während der Milchreife den Wildschadensdruck im Feld zu minimieren.
- Wühlacker: Eindrillen von z.B. Mais auf Freiflächen im Wald. Die Sauen sind stunden- und tagelang mit dem Brechen beschäftigt. Während der Milchreife im Feld sollte hier strikte Jagdruhe herrschen.
- Wildacker: Standortangepasste Wildackermischungen mit Kleearten, Futterpflanzen & Co. bieten einen reich gedeckten Tisch fürs Schalenwild. Man kann dort den Abschuss erfüllen. Solche Flächen nehmen auch den Druck von der Waldverjüngung.
- Salzlecke: Bessert den Mineralienhaushalt etwa beim Schalenwild auf und lockt natürlich auch an.
- Luderplatz: Aufbruch und Fallwild werden zum Magnet für Fuchs und anderes Haarraubwild.
- Mäuseburg: Eine Palette, Strohballen, eine Plane und ab und zu eine Handvoll Getreide ziehen Mäuse magisch an. Und wo sich diese einnisten, schauen auch Fuchs, Marder & Co. vorbei.
- Fangbunker: Er schirmt z.B. Totschlagfallen (wo erlaubt) so ab, dass keine Menschenhand dran kommt.
- Kunstbaue: Künstlich in den Boden eingebrachte Röhren und Kessel, die dem Fuchs eine Behausung bieten und sich viel leichter mit dem firmen Erdhund bejagen lassen.
- Suhle: Rot- und Schwarzwild nutzt im Sommer zur Insektenabwehr und Körperpflege gern die Schlammpackung einer künstlich angelegten Suhle.
- Malbaum: Aufgewertet mit Buchenholzteer, scheuert sich Schwarzwild gern die Schwarte an solchen Bäumen mit idealerweise grober Borke.
- Fasanenschütte/Futterfloß: Werden von Fasanen und Rebhühnern gern im Feld angenommen. Das Futterfloß für Enten schwimmt und verhindert den Zugang von Schalenwild. In Kombination mit einer Rattenfutterbox (Vorsicht: Rattengift!) nimmt man auch die Wanderratte ins Visier, die von dem Futter angelockt wird.
- Proßholzer: Abgeschnittene Zweige von Laubgehölzen, die zum Abäsen liegen bleiben.
- Benjeshecken: Bieten eine sichere Aufzucht sowie Deckung vor Greifvögeln für Feldhühner, Fasan & Co. in unserer intensiv genutzten Kulturlandschaft.
- Brachen: Mehrjährige Dauerbrachen werden oft finanziell gefördert und liefern dem Niederwild überlebenswichtige Deckung.

Text: F. und S. Numßen
Bild: Rhett Noonan -unsplash, FN, SN
