Das rare Mauser 98 „Special African Model“ stand Pate. Zusammen mit Büchsenmachermeister Karl-Heinz Hirschle wurde es neu interpretiert und fit für die heimische Jagd gemacht.

Mindestens zwei Dutzend Repetierbüchsen gingen in den letzten 30 Jahren durch meine Hände. Aber irgendwie kreisten meine Gedanken immer mal wieder um den ursprünglichsten aller deutschen Repetierer: den 98er.

 

Büchsenmachermeister Karl-Heinz Hirschle baut gerne 98er.

Beim Blättern in Jon Speeds Mauser-Bibel „Original Oberndorf Sporting Rifles“ zog ich mehr und mehr Geschmacksfäden. Schließlich wollte es der Zufall, dass ich vor ein paar Jahren auf einer kleinen Jagd bei Freunden Büchsenmachermeister Karl-Heinz Hirschle (www.waffen-hirschle.de) kennen lernte. Wir trafen uns kurze Zeit später in seiner kleinen Werkstatt in Blaubeuren und sprachen angeregt über Optionen und Möglichkeiten.

Historisches Vorbild neu interpretiert

So nahm das Projekt mehr und mehr Züge an. Dabei rückte eines der seltensten Mauser-Modelle in den Fokus: das „Special African Model“ mit einem sehr langen Rund- oder Achtkantlauf und einem Dreiviertel-Holzschaft. Die Visierung bestand beim Original aus einer starren Kimme plus einem oder zwei aufstellbaren Kimmenblättern oder wahlweise auch Expressvisier. Besonders verbreitet in den deutschen Kolonien waren die schwereren Kaliber 9,3 x 62 und 10,75 x 68.

 

Das "Special African Model" stand Pate für die Neuinterpretation.

Allerdings jagte man dort anders, meist pirschte man oder saß auch mal an der einen oder anderen Wasserstelle an. Führigkeit spielte dabei nicht die entscheidende Rolle. Heute ist das anders: Wer möchte mit einem 70-cm-Lauf beim Sauenansitz in engen Kanzeln rumhantieren müssen? Darüber hinaus stand ein weiterer Punkt im „neuen“ Pflichtenheft: Schnörkellos und solide sollte der Repetierer werden, wie eben ein klassisches Mauser-Arbeitsgewehr. Dazu rückte die alte 8x57 IS in den Fokus, die mit den zunehmenden Schwarzwild-Beständen seit Jahren ein Comeback feiert. Mit ihr lässt sich in Europa alles vom Fuchs bis zum Elch waidgerecht erlegen. Darüber hinaus kommt sie gut mit kurzen bis mittellangen Büchsenläufen zurecht, weshalb wir uns für 56 cm Lauflänge entschieden haben.

 

Bereit für den Tausch – Korn- und Kimmenträger,
Kimme, Schlösschen und Abzug.

Beim Stöbern in seiner Büchsenmacher-Werkstatt fiel Karl-Heinz Hirschle ein gut erhaltenes und weich laufendes DWM-System in die Hände – die Basis war damit gefunden. Der weißfertige 56er Lauf ist hingegen neu, stammt von Lothar Walther und hat eine Mediumkontur mit 16,5 mm Mündungsdurchmesser. „Solid“ oder „Semiweight“ würde man das marketingtechnisch heute wohl nennen.

Überarbeitung und Teiletausch

Ins System wurde noch einiges an Arbeit investiert: Dabei wurde der Schlosshalter oben gekürzt und mit einem Checkering versehen. Das Schlösschen wurde ausgetauscht und durch eines mit horizontaler Drei-Stellungs-Sicherung samt Sperre ersetzt. Der Originalabzug wich einem Recknagel-Direktabzug, der auf trocken stehende 1.100 g justiert wurde.

 

Ein längerer Kammerstengel dient dem schnelleren Repetieren. 

Der Lauf wurde mit Kimmen- und Kornträger aus Metall versehen, zu dem feinen Messing-Perlkorn gesellt sich hinten eine starre U-Kimme mit einem zusätzlichen Kimmenblatt. Beides so tief gesetzt, dass die vordere Montagebase noch U-förmig angefräst werden musste. Anschließend wurden die Metallteile – wo erforderlich – poliert und danach tauch- respektive streichbrüniert.

Einfach, aber trotzdem was fürs Auge

Ein fertiger Stutzenschaft stellte die Ausgangsbasis dar, wurde aber kurzerhand vorne abgesägt und eine Tropfenspitze – rund acht Zentimeter vor der Mündung – ausgearbeitet. Der gerade Schaftrücken mit Deutscher Backe passt zum historischen Vorbild, wurde aber verfeinert: Die vorhandene Schottische Fischhaut musste einer Standardversion weichen. Nach hinten schließt der Nussbaumholzschaft mit einer klassischen roten Schaftkappe ab, ein Schaftnagel aus Neusilber im Anschluss an den hinteren Riemenbügel trägt die Initialen, und das Pistolengriffkäppchen aus Stahl bietet irgendwann vielleicht einmal Fläche für eine individuelle, zum Gewehr passende Gravur. Etwas diffiziler wurde es nochmal am Vorderschaft, denn da der Riemenbügel über den Lauf gezogen ist, musste der Vorderschaft so ausgearbeitet werden, dass kein Druck – analog wie bei einem Stutzenschaft – auf den Lauf kommt und damit die Präzision oder das Warmschussverhalten negativ beeinflusst.

 

Die Schottische Fischhaut wich einer Standardversion.

Bei all dem Hang zu den großen Klassikern, die Jagd über Kimme und Korn geht schon wegen meiner vielen Arbeitsstunden vor dem Computer nicht. Deshalb sitzt ein Swarovski Z4i 3-12x50 mittels Henneberger-Schwenkmontage auf dem alten DWM-System.

Der Preis war heiß

Wer jetzt mutmaßt, dass wohl Monate bis zur Fertigstellung ins Land gezogen sind, der irrt. Denn nach nur sechs Wochen konnte ich meine neue alte Mauser endlich in den Händen halten und bestaunen. Zwar mussten Kimme und Korn aus ästhetischen Gründen nochmal tiefer gesetzt werden, aber nach knapp einer Woche war auch das gemeistert!

 

Das Swarovski-ZF sitzt mittels Henneberger-SWM auf dem System.

Jetzt fragen Sie sich sicher, was dieses individuelle Stück Handwerksarbeit wohl gekostet hat – bestimmt ein Vermögen? Mitnichten. Die komplette Waffe mit der vielen Handarbeit inklusive Zielfernrohr-Montage schlug im Jahr 2015 mit 3.215 Euro zu Buche. Heute müsste ein Büchsenmacher aufgrund der gestiegenen Energiepreise und Materialkosten sicher etwas mehr verlangen. Trotzdem geht auch das im Vergleich zu dem, was heutzutage für einen Standard-Repetierer schon mit Plastikschaft aufgerufen wird, völlig in Ordnung.

Und wie sieht’s mit der Präzision aus?

Nachdem die Waffe mit der preiswerten Geco 12 g Teilmantel-Rundkopf eingeschossen war und auf 100 m Streukreise zwischen 35 und 40 mm lieferte, ich aber auf eine Jagd in die Bundesforsten eingeladen war und dort ja Bleifrei-Pflicht besteht, ließ ich mir 50 Schuss mit bleifreiem Barnes TSX von Bernhard Klaus (www.munitionsmanufaktur.de) laden.

Beim Einschießen gab es dann gleich zwei Überraschungen: Die ersten drei Schuss lagen 70 mm auseinander – und ich machte ein langes Gesicht! Die Gruppe der folgenden vier Schuss zog sich dann aber auf nur 23 mm zusammen. Wow, na damit konnte nun gejagt werden…

 


Text & Bild: F. und S. Numßen

— Karl-Heinz Reinold