Wie viel Gewehr braucht‘s denn?
Aufgrund der stark rückläufigen Niederwildstrecken ist die Jagd auf Schalenwild heutzutage die größte Aufgabe der Jägerschaft. Die Repetierbüchse ist daher die am weitesten verbreitete Jagdwaffe. Unsere Tipps zur richtigen Ausstattung.
Seit fast 30 Jahren jage ich. Als Ausrüstungsfreak hatte ich in dieser Zeit mehr als 40 Waffen auf meinen WBKs, und mein Tresor erinnerte beinahe an ein „Laufhaus“: Mauser 98 / 94 / M03, Sauer 202, Tikka T3, Blaser R8, Winchester 70, Steyr Classic, Steel Action, Anschütz 1516, Howa 1500, Jakele J1 usw. Daher haken wir einmal die technische Ausstattung ab, die für mich heute an einem modernen Repetierer vorhanden sein sollte.
Sind Geradezug und Handspannung ein Muss?
Ich favorisiere Zwei-Warzen-Verschlüsse mit 90-Grad- oder besser (!) noch Drei- bzw. Sechs-Warzen-Verschlüsse mit schnellerem 60-Grad-Öffnungswinkel. Zwar mag einem die Werbung vorgaukeln, ohne Geradezug-Repetierer brauche man gar nicht erst auf eine Drückjagd zu gehen. Aber mal Hand aufs Herz: Wie viele Rotten mit fünf und mehr Sauen wechseln pro Jahr an Ihrem Stand vorbei, auf dem man dann schnellste Schussfolge braucht? Bei mir wechselte jahrelang nichts dergleichen vorbei.

Individuell gefertigter 98er aus Büchsenmacherhand in klassischer
Ausstattung im Kaliber 8x57 IS.
Die Handspannung ist ebenfalls in aller Munde. Doch sie ist nicht besser oder schlechter als eine normale Sicherung. Eine geladene Waffe ist ein gefährlicher Gegenstand – Punkt! Denn wenn man nicht entspannt hat, ist das Ding ebenfalls brandgefährlich. Vor allem, wenn die gespannte Waffe noch einen Feinabzug von 650 oder deutlich weniger Gramm besitzt. Denn nur eine entladene Waffe ist sicher, also raus mit der „Murmel“! Ich bevorzuge eine Drei-Stellungs-Sicherung à la 98er oder Sicherungen mit separater Kammerentriegelung, bei denen man zum Beispiel in Mittelstellung gesichert entladen kann.
Stecher oder Direktabzug?
Fast 15 Jahre lang habe ich Kombiabzug geschossen. Auf Drückjagden in Direktabzugfunktion, bei weiteren Schüssen gern eingestochen. Die erste Umgewöhnung kam mit einer Tikka T3, endgültig Direktabzug schieße ich, seitdem ich eine zeitlang eine Blaser R8 geführt habe. Heute besitzen alle meine Jagdbüchsen nur noch Direktabzug mit Abzugsgewichten zwischen 700 und 1.100 g.

Winchester 70 in .375 H & H mit horizontaler Drei-Stellungs-Sicherung, Flintenabzug und stabilem Schichtholzschaft von GRS.
„Geiler is schon“ mit Einsteckmagazin, würde Westernhagen singen. Eindeutig, weil damit das nervige Rausrepetieren oder das Abklappen des Magazinbodens – samt Risiko, dass die Munition vor einem auf dem Waldboden im Dreck liegt – entfällt.
Lauflänge, Kaliber und Schalldämpfer
Darüber favorisiere ich kurze, dicke Läufe, die wenig Eigenschwingung im Schuss entwickeln. Am liebsten 51, aber auch 56 cm gehen für die heimische Jagd voll in Ordnung. Die müssen natürlich geeignete Kaliber haben, etwa .223 Rem., .308 Win., .30-06, 8x57 IS oder 9,3x62. Ich bin sowieso ein Verfechter von Allerweltspatronen. Da gibt es eine Riesenauswahl an preiswerter Munition, die sich überall auf der Welt auftreiben lässt.
Gezähmt bekommt man Knall, Rückstoß und Mündungsfeuer durch den mittlerweile erlaubten Schalldämpfer! In der Regel wirkt er sich sogar präzisionsfördernd aus. Einziger Wermutstropfen: Die Trefferabweichung mit und ohne SD geht in der Regel nicht in der Schützenstreuung unter und muss ermittelt bzw. dann berücksichtigt werden. „Overbarrel“ aus Alu oder Carbon sind am weitesten verbreitet, weil sie weder die Baulänge noch die Balance der Waffe allzu sehr aus dem Gleichgewicht bringen.
Gerüstet für die neue Nachtjagdtechnik
Auch wenn der Einsatz der „Flüstertüte“ in der Regel das Aus für die offene Visierung bedeutet, kann das beste Zielfernrohr sturzbedingt den Geist aufgeben. Wer jetzt eine offene Visierung hat, ist im Vorteil. Einige Hersteller bieten zurückversetzte, also hinter dem SD sitzende Varianten an, bei anderen lassen sich Kimme und Korn kinderleicht demontieren.
Ebenfalls im Fluss ist der Montagebereich, denn seitdem moderne Nachtsicht-/Wärmebild-Vor- oder Aufsatzgeräte mittels Adapter an Zielfernrohre geklemmt und so schnell Gesamtgewichte von 900 bis 1.500 g oder mehr erreicht werden, geraten herkömmliche Montagen an ihre physikalischen Grenzen.

Howa 1500 in .223 Rem. mit GRS-Kunststoffschaft "Bifrost",
Picatinnyschiene und Matchabzug.
Warum die Picatinnyschiene unter Jägern so einen schlechten Ruf hat, kann ich mir nicht erklären. Schließlich nutzen militärische Scharfschützen seit Jahrzehnten diese Art der Montage, und deren Ansprüche an die Präzision sind um ein Vielfaches höher. Aber auch hier gilt: Finger weg von billigen Alu-Ringen. Lieber in eine z.B. einteilige Aufkippmontage von Recknagel, EAW o.Ä. investieren. Darüber hinaus sind direkt ins Stahlsystem gefräste Picatinnybasen/-schienen die beste Lösung.
Fast geschaf(f)t
Der Ästhet in mir ruft zwar abschließend nach einem klassischen Gewehrschaft aus Nussbaumholz mit geradem Schaftrücken, deutscher Backe und roter Schaftkappe. Praktisch gesehen aber kommen neuartige Lochschäfte oder voll verstellbare Schäfte à la KKC oder GRS „Bifrost“ aus Kunststoff oder auch Schichtholz der eierlegenden Wollmilchsau am nächsten. Denn an ihnen lässt sich alles perfekt einstellen.
(M)ein idealer Repetierer hätte heute folgende Ausstattung:
+ Drehzylinder-Verschluss mit drei oder sechs Warzen
+ Sicherung mit separater Kammerentriegelung (Handspannung kann, muss aber nicht)
+ Trocken stehender Direktabzug mit 700 bis 1.100 g
+ Einsteckmagazin
+ Kurzer, dicker Lauf mit dazu passendem Kaliber
+ Mündungsgewinde für Schalldämpfer
+ Zurückversetzte oder leicht demontierbare offene Visierung
+ Stahlsystem mit eingefrästen(r) Picatinnybasen/-schiene
+ Voll einstellbarer Schaft aus Schichtholz oder Kunststoff

Text & Bild: F. und S. Numßen
